Fallibilität und Fehlerkultur in der Medizin. Historische, epistemologische und ethische Dimensionen (1500–1650)


Faillibilité et culture des erreurs dans la médecine. Aspects historiques, épistémologiques et éthiques (1500–1650)

Website des ERMED Projekts

Deutsch-französisches Kooperationsprojekt DFG und ANR [06/2011– 06/2014]

Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio, deutscher Teil; Dr. Roberto Poma, französischer Teil
Wissenschaftliche Mitarbeiterin 
(deutscher Teil): Dr. Klara Vanek (07/2011 - 06/2014)
Wissenschaftliche Hilfskräfte (deutscher Teil): Leo Maier M.A. (07/2011 - 10/2013), Kathrin Lukaschek M.A. (11/2011 - 10/2013), Daniel Erlewein M.A. (seit 07/2014)


Kunstfehler (falsum/deceptio lat., mistake engl., faute opérationnelle fr.) gehören zum medizinischen Alltag wie Irrtümer (error lat./engl., erreur fr.) zum Prozess wissenschaftlicher Theoriebildung. Für den Mediziner als Forscher und als Arzt verfügen die Begriffe Irrtum und Fehler je über unterschiedliche Implikationen. Im Feld der Medizin der Renaissance eröffnet die Fehlbarkeits-Diskussion neue Szenarien: In Frankreich, den deutschsprachigen Ländern und in Italien prallen Tradition und Innovation aufeinander. Die Fehlbarkeit der ars medica erhält in diesem Zusammenhang beträchtliche Signifikanz und Tragweite.

Die Bestrebungen, medizinische Entscheidungsfindungen zu erleichtern und zu optimieren, verfolgen nicht zuletzt das Ziel, Fehler zu vermeiden. Doch diese Zeugnisse einer Fehlerkultur in der Medizin sind bisher unerforscht geblieben.

Das Projekt ERMED untersucht Genese und Herausbildung der Reflexion über die Fehlbarkeit der Medizin. Drei Ziele werden verfolgt:

  1. Die Rekonstruktion eines zentralen Kapitels wissenschaftlichen Transfers, welcher durch die Rhetorik der Kritik und die Ausübung der freimütigen Rede (parrhesia) gekennzeichnet ist.
  2. Unter Einbeziehung unterschiedlicher Quellengattungen und mittels vergleichender Kontextanalyse soll ermittelt werden, wie der Medizin der Renaissance die Herausforderungen einer sich wandelnden iatrischen Praxis epistemologisch und ethisch flankiert hat.
  3. Die Arbeit der bilateralen Equipe soll dazu beitragen, Entstehung und Wirkung einer medizinischen Fehlerkultur sichtbar und für die Medizin heute fruchtbar zu machen. Die Verzahnung von Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin ermöglicht zudem, die aktuelle Diskussion über „medical mistakes“ und „malpractice“ sowie über individualisierte Medizin in ihrer kulturhistorischen Tradition zu verankern und neu zu beleuchten.

Publikationen:

  • M. Gadebusch Bondio, Die Fehler und Irrtümer der Ärzte – Paracelsus‘ Kritik und ihr medizinethisches Potential, in: Religion und Gesundheit. Der heilkundliche Diskurs im 16. Jahrhundert, Hg. Albrecht Classen, Berlin / Boston 2011, 215-229
  • M. Gadebusch Bondio, Vom Ringen der Medizin um eine Fehlbarkeiskultur. Epistemologische und ethische Reflexionen, in: Irrtümer und Fehler – eine Kulturgeschichte der Fallibilität, Hg. Mariacarla Gadebusch Bondio und Agostino Paravicini Bagliani, [Micrologus Library] Galluzzo, Florenz 2012, 291-311.
  • M. Gadebusch Bondio und Agostino Paravicini Bagliani (Hg.), Irrtümer und Fehler – eine Kulturgeschichte der Fallibilität, [Micrologus Library] Galluzzo, Florenz 2012.
  • K. Vanek, Der »Machiavellus medicus« und die gelehrte Scharlatanerie, in: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 17 (2013), H. 3/4, 309–333.
  • K. Vanek, Der bonus chirurgus und die Fehlervermeidung. Zum Berufsethos der Chirurgie in der frühen Neuzeit, in: Medical Ethics. Premodern negotiations between medicine and philosophy, Hg. Mariacarla Gadebusch Bondio, Steiner Stuttgart 2014, 185-210.

Im Druck:

  • M. Gadebusch Bondio and R. Poma (Hg.), Errors and Mistake in Early Modern Medicine, erscheint 2016.
  • M. Gadebusch: Avoidable Mistakes – Medical Fallibility as an Ethical Problem with Epistemological Implications, in: Errors and Mistake in Early Modern Medicine, Hg. M. Gadebusch Bondio and R. Poma, erscheint 2016.

In Vorbereitung:

  • M. Gadebusch Bondio: Beobachten, sammeln, beschreiben – Fallberichte zur Fehlerprävention.
  • M. Gadebusch Bondio, D. Erlewein, R. Poma: Is something changed in the medical attitude towards errors? A bibliometric based answer to the plea of Popper and MacIntyre.
  • D. Erlewein, R. Poma, M. Gadebusch Bondio: Le signalement d’événements indésirables en médicine. Maîtriser les défis en France.