FAS/FAZ Interview Prädiktion mit Biomarkern

Vorhersage der Lebenserwartung mithilfe von Biomarkern? Ein Interview mit Prof. Alena Buyx (TUM) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

In einem Interview mit Sonja Kastilan, Leiterin des Wissenschaftsressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, äußert sich Prof. Alena Buyx vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München zum Einsatz von Schätzungen der Lebenserwartung mithilfe von Biomarkern.

In der Medizin könnten Biomarker Ärzten helfen, das Sterberisiko eines Patienten besser einzuschätzen und die Behandlung entsprechend auszurichten. Kölner Forscher stellten eine Studie vor, die eine verbesserte Vorhersage der Lebenszeiterwartung auf der Grundlage von 14 Biomarkern des Stoffwechsels verspricht; an der University of California wurde ein ähnliches Vorhersagetool entwickelt. Auf Basis dieser Vorhersagen könnte zukünftig über den Einsatz und die Erfolgsaussichten von Operationen und teuren Therapien entschieden werden. In den Medien wurde allerdings zum Teil berichtet, es sei nunmehr möglich, den Todeszeitpunkt – im Sinne eines ‚Countdowns‘ vorherzusagen. Alena Buyx ordnet den Einsatz solcher Vorhersage-Tools in der Medizin ein: Deren Vorhersagekraft sei nach wie vor zu schlecht, als dass von einer präzisen Vorhersage der Lebenserwartung im Einzelfall gesprochen werden könnte. Zwar können die neuen Tools bessere Aussagen liefern dazu, welche spezifischen Krankheitsrisiken Patienten haben und mit Blick auf Lebenserwartung auch dabei helfen, Entscheidungen etwa über belastende Therapien zu treffen, wie z.B. Chemotherapien. Allerdings sollten solche prädiktiven Instrumente nicht eingesetzt werden, um Patienten Therapien vorzuenthalten. Als Mitglied des Deutschen Ethikrates (DER) verweist Frau Buyx auf dessen Stellungnahme zu Big Data und Gesundheit von 2017. Aus Solidaritätsgründen empfiehlt der DER darin, den Einsatz sogenannter hochprädiktiver Risikoprofile bei der Leistungszuteilung in der GKV zu verbieten. Epidemiologische und sozialmedizinische Forschung zeige, dass neben genetischen und klinischen Risikofaktoren auch das individuelle Verhalten sowie strukturelle und soziale Faktoren (wie etwa Einsamkeit) stark die Lebenserwartung beeinflussen. Alena Buyx warnt daher davor, angesichts neuer Biomarker-Tests in einen biologischen Determinismus zu verfallen.