Prof. Dr. med. Gerrit Hohendorf †

 

Nachruf: Prof. Dr. med. Gerrit Hohendorf

Nach schwerer Krankheit ist am vergangenen Montag unser stellvertretender Institutsdirektor Prof. Dr. Gerrit Hohendorf verstorben. Gerrit Hohendorf war Medizinhistoriker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität München und Leiter unseres Arbeitsbereichs Medizingeschichte am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Schwerpunkte seiner Arbeit waren die Medizin im Nationalsozialismus, die Geschichte und Ethik der Psychiatrie sowie die aktuellen ethischen Fragen am Lebensanfang und am Lebensende aus einer historischen Perspektive.

Gerrit Hohendorf war ein international führender Experte auf dem Feld der Erforschung der NS-Medizin. Wegweisend waren dabei insbesondere seine Arbeiten zur NS-Euthanasie. Ein zwischen 2002 und 2007 von ihm geleitetes DFG-Projekt „Zur wissenschaftlichen Erschließung und Auswertung des Krankenaktenbestandes der nationalsozialistischen ‚Euthanasie’-Aktion T4“ stellte das Geschehen rund um die zentrale Krankenmordaktion „T4“ erstmals auf eine fundierte statistisch-empirische Basis. Bereits während dieses Forschungsprojekts kristallisierte sich mit der konsequenten Berücksichtigung der Betroffenenperspektive ein großes Anliegen von Gerrit Hohendorf heraus. Das 2007 von ihm mitherausgegebene Buch „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“ schildert auf eindrückliche Weise den Lebensweg von über 20 Opfern der NS-„Euthanasie“. Die Publikation wurde 2008 mit dem Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus des Bundesministeriums für Gesundheit, der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ausgezeichnet. Auch im weiteren Verlauf seiner wissenschaftlichen Laufbahn lag es Gerrit Hohendorf sehr am Herzen, dass die Opfer der NS-„Euthanasie“ einen angemessenen und würdigen Platz in der deutschen und internationalen Erinnerungskultur an das „Dritte Reich“ und seiner Medizinverbrechen zuerkannt bekommen.

In diesem Zusammenhang war ihm die Errichtung eines Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ in der Berliner Tiergartenstraße 4 besonders wichtig. Am 2. September 2014 wurde der von ihm federführend gestaltete Gedenkort der Öffentlichkeit übergeben. Wegweisend war auch Gerrit Hohendorfs Mitarbeit am Gedenkbuch für die Münchener Opfer der NS-„Euthanasie“. Das Buch ist 2018 erschienen und bietet unter methodischen Gesichtspunkten grundlegendes zur Ermittlung von Opfern der NS-Krankenmorde. Gerrit Hohendorfs Habilitationsschrift „Der Tod als Erlösung vom Leiden – Geschichte und Ethik der Sterbehilfe seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland“ gilt als wichtiges Referenzwerk und wurde 2014 mit dem Publikationspreis des Deutschen Museums ausgezeichnet. 

Gerrit Hohendorf war ein liebenswürdiger, den Menschen zugewandter und über alle Maßen hilfsbereiter, verlässlicher und kooperativer Kollege. Wir werden ihn als enthusiastischen Lehrer, als immer offenen und reflektierten Gesprächspartner und als exzellenten Forscher sehr vermissen. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, der wir viel Kraft im Angesicht des schrecklichen Verlustes wünschen.

Um seiner zu gedenken, wird im Herbst eine akademische Trauerfeier am Institut ausgerichtet, bei der das Werk und Schaffen von Gerit Hohendorf gewürdigt werden.

 

In Gedenken,

die Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Technische Universität München


Kurzvita

► Stellvertretende Institutsleitung

► Leitung des Arbeitsbereichs Medizingeschichte

► Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Gerrit Hohendorf ist außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität München und Leiter des Arbeitsbereichs Medizingeschichte am Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (2002) und leitet das Motivationsprogramm für Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen auf der Abteilung für Klinische Toxikologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Er arbeitet zu den Voraussetzungen, zur Realgeschichte und zu den Nachwirkungen der Medizin im Nationalsozialismus, zur Geschichte und Ethik der Psychiatrie sowie zu aktuellen ethischen Fragen am Lebensanfang und am Lebensende aus einer historischen Perspektive. Er war beteiligt an der Konzeption und Gestaltung des Informations- und Gedenkortes für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in der Berliner Tiergartenstraße 4 (2014) sowie an der Erarbeitung des Gedenkbuches für die Münchner „Euthanasie“-Opfer (2018). Aktuell ist er beteiligt an einem internationalen Kooperationsprojekt zur „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten“.


Forschungsschwerpunkte

  • Psychiatriegeschichte 
  • Geschichte der Medizinischen Ethik 
  • Medizin im Nationalsozialismus 
  • Nationalsozialistische Krankenmorde in europäischer Perspektive 
  • Erinnerungskultur in Bezug auf den Nationalsozialismus 
  • Geschichte und Ethik der Sterbehilfe vom 19. bis zum 21. Jahrhundert 
  • Geschichte und Ethik der Reproduktionsmedizin 
  • Autonomie und Lebensende/Patientenverfügungen 
  • Ethik der Psychiatrie 

 


Forschungsprojekte

Laufende Forschungsprojekte:

  • Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten: Hirnpräparate in Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und die Identifizierung der Opfer: Teilprojektleitung: Prof. Dr. Gerrit Hohendorf

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte:


Mitgliedschaften

    • Fachverband Medizingeschichte 
    • Münchner Vereinigung für Geschichte der Medizin 
    • Akademie für Ethik in der Medizin 
    • Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation 
    • Förderverein Internationale Jugendbegegnung Dachau e. V. 
    • Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. 

    Publikationen

             Schriften- und Publikationsverzeichnis (Stand: Feb 2019)

        Vorträge

                 Verzeichnis wissenschaftlicher Vorträge

            Projekte

                 Verzeichnis wissenschaftlicher Projekte

            Lebenslauf

                 Lebenslauf Gerrit Hohendorf

             

            Robert Spaemann, Gerrit Hohendorf, Fuat S. Oduncu

            "Vom guten Sterben. Warum es keinen assistierten Tod geben darf"

            Freiburg im Breisgau 2015, ca. 160 Seiten.

             

            Christof Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll, Jens Thiel

            "Tiergartenstraße 4 – Gedenk-Ort und Informations-Ort für die Opfer der national-sozialistischen „Euthanasie“-Morde – Texte in leichter Sprache"

            (übersetzt von Uta George und Susanne Göbel in Zusammenarbeit mit Anette Bourdon, Christine Groß-Manderbach, Elke Heinzelbecker, Anita Kühnel, Arnd Kunau & Klaus Lohmann)

            Berlin 2014, 99 Seiten.

            Gerrit Hohendorf

            "Der Tod als Erlösung vom Leiden – Geschichte und Ethik der Sterbehilfe seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland"

            Göttingen 2013, 327 Seiten.

            Gerrit Hohendorf

            "Die Psychosomatische Theoriebildung bei Felix Deutsch (1884-1964) - Ein Beitrag zur Geschichte der Psychoanalyse des Körpers (Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 99)"

            Husum 2004, 365 Seiten.