Interview FAS Robotercouch

Interview zum Einsatz von KI und Apps in der Psychotherapie mit Prof. Alena Buyx (TUM) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

In dem Artikel “Auf der Couch des Roboters” von Piotr Heller für die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (03.11.2019, Nr. 44, S. 65) äußert sich Prof. Alena Buyx vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München (TUM) zum Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) und Apps in der Psychotherapie.

Im Rahmen der Verhandlungen im Bundestag zum „Digitale-Versorgung-Gesetz“ Mitte November 2019 wurde auch die Möglichkeit für Ärzte Apps zu verschreiben diskutiert. Ein mögliches Einsatzgebiet für KI und Apps in der Medizin mit großem Potenzial ist die Psychotherapie. Sogenannte „Roboter-Therapeuten“ könnten dringende Bedarfslücken schließen, bergen aber gleichzeitig auch Risiken. Diesem Spannungsfeld widmete sich Prof. Alena Buyx gemeinsam mit Kollegen in einer systematischen Analyse. Laut dieser Studie liegen die Vorteile dieser Apps vor allem in der Zeitersparnis und der Zugänglichkeit. Patienten sind Robotern gegenüber ehrlicher, weil sie nicht befürchten müssen, verurteilt zu werden. Auf diesem Weg können dadurch auch Menschen erreicht werden, die trotz Bedarfs anderweitig gar nicht erst den Weg in eine Psychotherapie gehen würden. Einen Nachteil dieser Apps stellt laut Prof. Buyx die Gefahr von Abhängigkeitsbeziehungen dar. Während menschliche Therapeuten gezielt geschult werden mit diesem Risiko umzugehen, ist das Apps nicht möglich. Außerdem sind sie nicht an dieselben ethischen Auflagen gebunden wie menschliche Therapeuten. Ein weiteres Problem ist die Identifikation von Selbst- und Fremdgefährdung der Patienten. Deutet sich eine solche Gefährdung an, sind menschliche Therapeuten gesetzlich verpflichtet dafür zu sorgen, dass diese Menschen umgehend behandelt werden. Apps sind hier bisher nicht zum Handeln verpflichtet und vermutlich auch nur schwerlich dazu in der Lage Behandlungen durchzusetzen.

Dabei liegt gerade in der Diagnose von psychischen Störungen ein großes Potenzial dieser Apps. Erste Anwendungen aus dem englischsprachigen Raum können beispielsweise bereits Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen anhand der Stimme erkennen. Sie erlauben Menschen eine erste Selbsteinschätzung, ob tatsächliche Hilfe benötigt wird, liefern erste Übungen oder raten zu einem Klinikaufenthalt. Sie zeigen bereits in Ansätzen, wie KI und die klinische Praxis sinnvoll zusammenarbeiten könnten. Gerade hierin ist laut Prof. Buyx eine der wichtigsten Fragen verborgen, denen sich zukünftige Forschung widmen muss: „Welche Elemente einer Therapie dürfen und können ersetzt werden und welche nicht?“.

Am wahrscheinlichsten ist der Einsatz von KI und Apps in Ergänzung zur menschlichen Psychotherapie in Form von neuen Therapieansätzen und weniger als vollständiger Ersatz einer menschlichen Gesprächstherapie.