SolPan

SOLPAN-Studie

 

28.04.2021

Zwischen Gemeinwohl und persönlicher Freiheit: Motive und Grenzen zur Einhaltung von COVID-19 Maßnahmen in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz im Frühjahr 2020

Im Gegensatz zu vielen Nachbarländern verzichteten die deutschen und schweizerischen Behörden während der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020 auf allgemeine Ausgangssperren und riefen stattdessen zu Solidarität und Eigenverantwortung auf. Diese Studie untersucht die Gründe hinter und Hindernisse bezüglich der Motivation zur Einhaltung politischer Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie in Deutschland und der Schweiz im Frühling 2020. Im Rahmen des internationalen Forschungsverbundes "Solidarität in Zeiten von Pandemien" (SolPan) haben wir im April 2020 Einwohner aus Deutschland (46 Teilnehmende) und der Deutschschweiz (31 Teilnehmende) zu ihren aktuellen Lebenssituationen interviewt.

Drei hervorstechende Themen konnten durch die Analyse der Interviews identifizierten werden: Erstens war der soziale Zusammenhalt eine wichtige Motivation für die Einhaltung von Einschränkungen. Viele Teilnehmende waren im Sinne des Gemeinwohls bereit, Einschränkungen einzuhalten und wollten Risikogruppen vor einer Infektion schützen. Gleichzeitig zeigten widersprüchliche Bedürfnisse Grenzen der Einhaltung von Restriktionen auf: Zum Beispiel beschrieben einige Teilnehmende schwierige Entscheidungen, ob sie ältere Bekannte und Verwandte vor Ansteckung schützen sollten, indem sie sich von ihnen fernhielten, oder sie durch regelmäßige Besuche aus ihrer sozialen Isolation befreien sollten.

Zweitens reflektierten die Teilnehmenden auch die Konsequenzen der Befolgung oder Nichtbefolgung von verordneten Maßnahmen. Sie taten dies sowohl auf der individuellen Ebene (z. B. die Folgen einer individuellen Infektion) als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene (z. B. die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Einschränkungen).

Das dritte Thema betraf die Eigenverantwortung: Einige Teilnehmende sahen die Einhaltung von geltenden Regeln als eine Frage des Prinzips an. Andere wiederum betonten, wie wichtig es ihnen wäre eine eigene Risikobewertung durchzuführen. Diese Teilnehmenden drückten oft den Wunsch nach Nachweisen und Erklärungen zur Wirksamkeit und zu den Gründen hinter den verordneten Maßnahmen aus.

Damit einschränkende Maßnahmen ihre Wirksamkeit entfalten können, müssen sie von der Öffentlichkeit eingehalten werden. Es ist von entscheidender Bedeutung, Wege zu finden, um trotz zunehmender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme während der Pandemie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu fördern. Die gelebte Überzeugung Einzelner darüber, dass regelkonformes Verhalten dem Gemeinwohl diene, wirkt sich positiv auf die Bereitschaft aus, persönliche Opfer zu bringen. Gleichzeitig haben die Menschen gegensätzliche Präferenzen in Bezug auf Regeln und Informationen: Während die einen strikte Regeln bevorzugen, an die sie sich halten können, bevorzugen andere den Freiraum, die Pandemieempfehlungen auf ihre persönliche Situation anwenden  zu können.

Autorin: Bettina Zimmermann, überarbeitet von Nora Hangel

Die englischsprachige Publikation ist im April 2021 im International Journal of Health Policy and Management erschienen. AutorInnen: Bettina Zimmermann, Amelia Fiske, Stuart McLennan, Anna Sierawska, Nora Hangel, Alena Buyx

https://www.ijhpm.com/article_4035.html

 


Überwachungsinstrument oder Heilsbringer: Warum werden „Contact Tracing Apps“ nicht reger genutzt?

Eine Analyse aus dem deutschsprachigen Raum

In Österreich wurde bereits im März 2020 eine Bluetooth-basierte Contact Tracing App (die „Stopp Corona app“) zur Kontaktverfolgung im Rahmen von COVID-19 eingeführt, um die COVID-19-Eindämmungsstrategien der Behörden zu unterstützen. In der Schweiz wurde eine ähnliche „SwissCovid app“ und in Deutschland die „Corona Warn App“ im Juni 2020 gestartet. In Contact Tracing Apps wurden große Hoffnungen gesetzt, schneller zur Normalität zurückzukehren und die Pandemie effektiv und nachhaltig einzudämmen. Bei der Entwicklung wurde großen Wert auf die Wahrung der Privatsphäre gelegt. Die Anzahl der Nutzer*innen waren jedoch in allen Ländern geringer als ursprünglich erwartet: Obwohl in Umfragen im Frühling 2020 bis zu 70% der Befragten der Nutzung einer solchen App zugestimmt waren, betrug die tatsächliche Nutzung Ende 2020 nur 31% (Schweiz), 25% (Deutschland) und 12% (Österreich) der jeweiligen Bevölkerung.

In unserer gerade erschienenen Studie haben wir untersucht: (1) wie Menschen in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz digitale Kontaktverfolgungs-Apps während der ersten Pandemiewelle verstanden und bewertet haben; (2) wie solche Anwendungen in Zeitungen beschrieben wurden; (3) ob es in beiderlei Hinsicht Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz gab; und wie sich die Konzepte und Einschätzungen der Menschen mit öffentlichen Diskussionen überschnitten. Dafür haben wir im April 2020 insgesamt 110 Erwachsene, die in den teilnehmenden Ländern wohnen, interviewt und zu ihrer Meinung zu Contact Tracing Apps und mobilem Tracking befragt. Ausserdem wurde die Zeitungsberichterstattung über Kontaktverfolgungs-Apps von Mitte März bis Anfang Mai im deutschsprachigen Raum ausgewertet.

Sowohl die Interviewteilnehmenden als auch die Zeitungsberichterstattung in allen drei Ländern verstanden Contact Tracing Apps als staatliche Überwachungsinstrumente und sahen sie in einem Kontext technologischer Überwachung. Die Teilnehmenden identifizierten mehrere Voraussetzungen, die die Apps erfüllen müssten um in einer Demokratie legitim genutzt werden zu können: Vertrauen in Behörden, die Achtung der Privatsphäre des Einzelnen, Freiwilligkeit und die zeitlich begrenzte Nutzung der Contact Tracing Apps. Die Zeitungsberichterstattung spiegelte diese Schwerpunktsetzung in wesentlichen Punkten. Dass ein Gutteil dieser Bedingungen in den Augen vieler Studienteilnehmer*innen nicht erfüllt wurden kann zur Erklärung der niedrigen Nutzungsraten in den untersuchten Ländern bzw. Regionen beitragen. Insbesondere die erwartet hohen Risiken werden in der Auffassung der Mehrheit unserer Studienteilnehmer*innen nicht durch die potenziellen Vorteile der App kompensiert. Zugleich scheint die ablehnende Haltung vieler Befragter auch in einer tiefergehenden Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen wurzeln. Wenn Behörden in Zukunft weitere digitale Tools und Praktiken einführen, sollten sie sehr transparent und proaktiv die Ziele und den Beitrag der Technologie kommunizieren. Es ist auch wichtig, ethische, rechtliche und soziale Fragen im Zusammenhang mit solchen Technologien vor ihrer Einführung öffentlich anzusprechen und zu lösen.

Die Ergebnisse der Studie wurden im Detail in der Fachzeitschrift JMIR publiziert: https://doi.org/10.2196/25525 (in englischer Sprache)

Die Studie entstand als Teil des SolPan Konsortiums und wurde mitverfasst von Dr. Amelia Fiske, Prof. Barbara Prainsack, Dr. Nora Hangel, Dr. Stuart McLennan und Prof. Dr. Alena Buyx.

Bei Fragen kontaktieren Sie bitte die Studienleiterin in Deutschland: Prof. Alena Buyx (E-Mail: medizinethik.med@tum.de)