SolPan

SOLPAN-Studie

 

17.02.2022

Mehr als Befürworter und Gegner: Haltungen gegenüber COVID-19 Impfstoffen vom Oktober 2020

Bettina Zimmermann, Katharina Paul

Eine hohe Impfquote ist für die Bewältigung der laufenden COVID-19-Pandemie von entscheidender Bedeutung. Sowohl Entscheidungsträger als auch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in den von uns untersuchten Ländern setzen große Hoffnungen in die COVID-19 Impfung. Auf der Grundlage qualitativer Interviews vom Oktober 2020 untersucht diese Studie die antizipierten Erwartungen, Hoffnungen und Ängste der Menschen in Bezug auf die COVID-19 Impfung in sieben europäischen Ländern: Österreich, Belgien, Deutschland, Irland, Italien, die deutschsprachige Schweiz und das Vereinigte Königreich. Zum Zeitpunkt der Studie befanden sich COVID-19 Vakzine noch in Entwicklung.

Wir stellen fest, dass die Einstellung zu COVID-19-Impfstoffen von eigenen Erfahrungen mit früheren Impfungen geprägt ist. Es wurden fünf Positionen sichtbar: (1) Akzeptanz der  COVID-19 Vakzine aufgrund von genereller Akzeptanz von Vakzinen; (2) Akzeptanz von COVID-19 Vakzinen trotz genereller Ablehnung von Vakzinen (z.B. um der Gesellschaft als Ganzes zu helfen, schneller aus der Pandemie zu kommen); (3) Ablehnung von COVID-19 Vakzinen trotz genereller Akzeptanz von Vakzinen (z.B. aufgrund des schnellen Entwicklungs- und Zulassungsprozesses); (4) Ablehnung von COVID-19 Vakzinen aufgrund von genereller Ablehnung von Vakzinen. Eine fünfte Gruppe von Teilnehmenden war sich noch unsicher, wie sie zu COVID-19 Vakzinen stehen würde.

Die Teilnehmenden verbanden viel Hoffnung, aber auch Ängste mit den damals noch nicht zugelassenen COVID-19 Impfstoffen. Viele äußerten die Hoffnung, mit den Vakzinen die Pandemie bald zu beenden und die Restriktionen aufheben zu können. Auch die Hoffnung, sich selbst und das nahe Umfeld vor einer Infektion schützen zu können wurde häufig erwähnt. Andererseits brachten die Teilnehmenden häufig Sorgen bezüglich Nebenwirkungen und Zweifel an der gründlichen Überprüfung der Impfstoffsicherheit und Wirksamkeit zum Ausdruck. Diese Sorge um individuelle Risiken standen oft im Spannungsverhältnis zum kollektiven Nutzen der Impfung, was bei manchen Teilnehmenden zu inneren Konflikten führte.

Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass Einstellungen zum Impfen stark vom jeweiligen persönlichen, sozialen und politischen Kontext gefärbt sind, in dem Menschen Erfahrungen mit Impfen machen. Die Einteilung in „Impfwillige“ und „Impfverweigerer“ greift dabei zu kurz. Vielmehr stellen verfügbare Informationen, vergangene Erlebnisse, die Risikowahrnehmung einer COVID-19 Erkrankung für sich selbst und das nahe Umfeld sowie Vertrauen in die Institutionen individuelle Faktoren dar, die die Bewertung von COVID-19 Vakzinen im Wechselspiel mit der sozialen Umgebung beeinflussen.

Diese Studie wurde in englischer Sprache in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht:

 


01.12.2021

Eigenverantwortung versus soziale Isolation: Wer trägt Maske ohne Pflicht?

Autorin: Bettina Zimmermann, überarbeitet von Franziska Schönweitz

Im Zuge der COVID-19-Pandemie hat die Schweiz erst im Laufe des Oktobers 2020 eine breite, flächendeckende Maskenpflicht eingeführt. Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern war diese Maskenpflicht erst spät und angesichts stark steigender Fallzahlen verfügt worden. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel dieser Studie, die dem Tragen von Gesichtsmasken zugrundeliegenden Werte und Einstellungen von Einzelpersonen zu eruieren. Im April und Oktober 2020 wurden hierzu Interviews mit 31 (April) und 25 (Oktober) DeutschschweizerInnen durchgeführt. Diese haben wir mit qualitativen Forschungsmethoden analysiert. Die Interviews wurden im Rahmen der Forschungsgemeinschaft "Solidarität in Zeiten einer Pandemie" (SolPan) erhoben.

Aus den Äusserungen der Teilnehmenden konnten wir fünf Themen identifizieren. Das erste Thema, Vertrauen und Regierungspolitik, verdeutlicht einen Vertrauensverlust vieler Teilnehmenden in die Regierung in Bezug auf Masken. Angeführte Gründe waren inkonsistente Äusserungen seitens der Behörden über die Nützlichkeit von Masken zu Beginn der Pandemie unter anderem in Zusammenhang mit dem vorhandenen Angebotsdefizit, aber auch kantonal unterschiedliche Regularien in der Maskenpflicht bis in den Herbst 2020 hinein. Einige Teilnehmer waren nachhaltig unsicher, ob und inwieweit das Tragen von Masken nützlich sei.

Demgegenüber sprachen viele Teilnehmenden über die wahrgenommenen Vorteile des Maske Tragens. Sie sahen es als eine moralische Pflicht sich und andere auch ohne behördliche Verordnung durch das Tragen einer Maske zu schützen. Manche fühlten sich auch sicherer, wenn sie eine Maske trugen. Andere sahen darin eine Chance, sich freier bewegen und zum Beispiel ins Theater gehen zu können. Einige Teilnehmende beschrieben die Masken auch als sichtbares Zeichen, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei.

Auch wahrgenommene Risiken des Maske Tragens waren ein Thema. Einige waren besorgt, dass Masken «normal» werden würden «wie in Asien». Diese Vorstellung war «furchtbar» für mehrere Teilnehmende. Auch den Verlust von Gesichtsmimik und die unsachgemässe Anwendung von Masken wurden als Nachteile genannt.

Einige Teilnehmende erzählten von sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen mit Bezug auf Masken. Im April 2020 machten sich einige Teilnehmende über Mitmenschen lustig oder reagierten befremdet, wenn sie diese zum Beispiel im Wald oder im Auto mit Maske sahen. Das Fehlen einer generellen Maskenpflicht führte für viele Teilnehmenden dazu, dass sie sich unwohl fühlten, wenn sie freiwillig eine Maske trugen und damit zu einer Minderheit gehörten. Man würde als krank und ansteckend betrachtet, wenn man eine Maske trüge ohne dass es Pflicht sei. Andererseits hielten es viele Teilnehmenden für asozial, wenn sie Leute beobachteten die sich nicht an geltende Maskenpflichtregelungen hielten, besonders im Herbst 2020.

Das Fehlen einer generellen, landesweiten Maskenpflicht bedeutete, dass die Entscheidung, wann die Maske getragen wird und wann nicht individuell eingeschätzt wurde. Manche Teilnehmenden hielten sich strikt an die Regularien und zogen nur eine Maske an, wenn sie mussten. Andere berichteten von «Instinkten» und «Momententscheidungen» eine Maske zu tragen, etwa in Menschenansammlungen. In Anbetracht steigender Fallzahlen im Oktober 2020 erwähnten viele, dass sie nun wohl wieder öfter eine Maske tragen würden als vorher. Die Vorteile von Masken wurden in diesem Kontext höher bewertet als die Risiken und viele Teilnehmende waren entsprechend trotz früherer Vorbehalte bereit, in diesem Zusammenhang eine generelle Maskenpflicht zu akzeptieren.

Das Fehlen einer generellen Maskenpflicht unterstreicht zwar die individuelle Autonomie der Menschen, die Eigenverantwortung kann jedoch unterdrückt werden, etwa wenn man sich ausgeschlossen fühlt, da nur eine Minderheit in bestimmten Kontexten eine Maske trägt. Eine Maskenpflicht unterstützt damit diejenigen, die sich mit einer ständigen Einschätzung der Menschenansammlung überfordert fühlen. Sie unterstützt auch Menschen, die sich ansonsten sozial isoliert fühlen würden, sollte die Mehrheit keine Maske tragen. Dennoch war das Bedürfnis nach Autonomie und Eigenverantwortung unter den Deutschschweizer Teilnehmenden hoch, sodass eine Maskenpflicht nur als vorübergehend akzeptabel angesehen wurde. Entsprechend wurde aus der Analyse geschlossen, dass es wichtig ist, immer wieder neue Kosten-Nutzen-Abwägungen durchzuführen und generelle Maskenpflichten besonders in der westlichen Kultur dann einzuführen, wenn es die aktuelle pandemische Lage verlangt.

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Studie: Zimmermann, B.M., Eichinger, J., Schönweitz, F., Buyx, A. Face mask uptake in the absence of mandates during the COVID-19 pandemic: a qualitative interview study with Swiss residents. BMC Public Health 21, 2171 (2021). https://doi.org/10.1186/s12889-021-12215-4


28.04.2021

Zwischen Gemeinwohl und persönlicher Freiheit: Motive und Grenzen zur Einhaltung von COVID-19 Maßnahmen in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz im Frühjahr 2020

Im Gegensatz zu vielen Nachbarländern verzichteten die deutschen und schweizerischen Behörden während der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020 auf allgemeine Ausgangssperren und riefen stattdessen zu Solidarität und Eigenverantwortung auf. Diese Studie untersucht die Gründe hinter und Hindernisse bezüglich der Motivation zur Einhaltung politischer Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie in Deutschland und der Schweiz im Frühling 2020. Im Rahmen des internationalen Forschungsverbundes "Solidarität in Zeiten von Pandemien" (SolPan) haben wir im April 2020 Einwohner aus Deutschland (46 Teilnehmende) und der Deutschschweiz (31 Teilnehmende) zu ihren aktuellen Lebenssituationen interviewt.

Drei hervorstechende Themen konnten durch die Analyse der Interviews identifizierten werden: Erstens war der soziale Zusammenhalt eine wichtige Motivation für die Einhaltung von Einschränkungen. Viele Teilnehmende waren im Sinne des Gemeinwohls bereit, Einschränkungen einzuhalten und wollten Risikogruppen vor einer Infektion schützen. Gleichzeitig zeigten widersprüchliche Bedürfnisse Grenzen der Einhaltung von Restriktionen auf: Zum Beispiel beschrieben einige Teilnehmende schwierige Entscheidungen, ob sie ältere Bekannte und Verwandte vor Ansteckung schützen sollten, indem sie sich von ihnen fernhielten, oder sie durch regelmäßige Besuche aus ihrer sozialen Isolation befreien sollten.

Zweitens reflektierten die Teilnehmenden auch die Konsequenzen der Befolgung oder Nichtbefolgung von verordneten Maßnahmen. Sie taten dies sowohl auf der individuellen Ebene (z. B. die Folgen einer individuellen Infektion) als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene (z. B. die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Einschränkungen).

Das dritte Thema betraf die Eigenverantwortung: Einige Teilnehmende sahen die Einhaltung von geltenden Regeln als eine Frage des Prinzips an. Andere wiederum betonten, wie wichtig es ihnen wäre eine eigene Risikobewertung durchzuführen. Diese Teilnehmenden drückten oft den Wunsch nach Nachweisen und Erklärungen zur Wirksamkeit und zu den Gründen hinter den verordneten Maßnahmen aus.

Damit einschränkende Maßnahmen ihre Wirksamkeit entfalten können, müssen sie von der Öffentlichkeit eingehalten werden. Es ist von entscheidender Bedeutung, Wege zu finden, um trotz zunehmender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme während der Pandemie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu fördern. Die gelebte Überzeugung Einzelner darüber, dass regelkonformes Verhalten dem Gemeinwohl diene, wirkt sich positiv auf die Bereitschaft aus, persönliche Opfer zu bringen. Gleichzeitig haben die Menschen gegensätzliche Präferenzen in Bezug auf Regeln und Informationen: Während die einen strikte Regeln bevorzugen, an die sie sich halten können, bevorzugen andere den Freiraum, die Pandemieempfehlungen auf ihre persönliche Situation anwenden  zu können.

Autorin: Bettina Zimmermann, überarbeitet von Nora Hangel

Die englischsprachige Publikation ist im April 2021 im International Journal of Health Policy and Management erschienen. AutorInnen: Bettina Zimmermann, Amelia Fiske, Stuart McLennan, Anna Sierawska, Nora Hangel, Alena Buyx

https://www.ijhpm.com/article_4035.html

 


Überwachungsinstrument oder Heilsbringer: Warum werden „Contact Tracing Apps“ nicht reger genutzt?

Eine Analyse aus dem deutschsprachigen Raum

In Österreich wurde bereits im März 2020 eine Bluetooth-basierte Contact Tracing App (die „Stopp Corona app“) zur Kontaktverfolgung im Rahmen von COVID-19 eingeführt, um die COVID-19-Eindämmungsstrategien der Behörden zu unterstützen. In der Schweiz wurde eine ähnliche „SwissCovid app“ und in Deutschland die „Corona Warn App“ im Juni 2020 gestartet. In Contact Tracing Apps wurden große Hoffnungen gesetzt, schneller zur Normalität zurückzukehren und die Pandemie effektiv und nachhaltig einzudämmen. Bei der Entwicklung wurde großen Wert auf die Wahrung der Privatsphäre gelegt. Die Anzahl der Nutzer*innen waren jedoch in allen Ländern geringer als ursprünglich erwartet: Obwohl in Umfragen im Frühling 2020 bis zu 70% der Befragten der Nutzung einer solchen App zugestimmt waren, betrug die tatsächliche Nutzung Ende 2020 nur 31% (Schweiz), 25% (Deutschland) und 12% (Österreich) der jeweiligen Bevölkerung.

In unserer gerade erschienenen Studie haben wir untersucht: (1) wie Menschen in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz digitale Kontaktverfolgungs-Apps während der ersten Pandemiewelle verstanden und bewertet haben; (2) wie solche Anwendungen in Zeitungen beschrieben wurden; (3) ob es in beiderlei Hinsicht Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz gab; und wie sich die Konzepte und Einschätzungen der Menschen mit öffentlichen Diskussionen überschnitten. Dafür haben wir im April 2020 insgesamt 110 Erwachsene, die in den teilnehmenden Ländern wohnen, interviewt und zu ihrer Meinung zu Contact Tracing Apps und mobilem Tracking befragt. Ausserdem wurde die Zeitungsberichterstattung über Kontaktverfolgungs-Apps von Mitte März bis Anfang Mai im deutschsprachigen Raum ausgewertet.

Sowohl die Interviewteilnehmenden als auch die Zeitungsberichterstattung in allen drei Ländern verstanden Contact Tracing Apps als staatliche Überwachungsinstrumente und sahen sie in einem Kontext technologischer Überwachung. Die Teilnehmenden identifizierten mehrere Voraussetzungen, die die Apps erfüllen müssten um in einer Demokratie legitim genutzt werden zu können: Vertrauen in Behörden, die Achtung der Privatsphäre des Einzelnen, Freiwilligkeit und die zeitlich begrenzte Nutzung der Contact Tracing Apps. Die Zeitungsberichterstattung spiegelte diese Schwerpunktsetzung in wesentlichen Punkten. Dass ein Gutteil dieser Bedingungen in den Augen vieler Studienteilnehmer*innen nicht erfüllt wurden kann zur Erklärung der niedrigen Nutzungsraten in den untersuchten Ländern bzw. Regionen beitragen. Insbesondere die erwartet hohen Risiken werden in der Auffassung der Mehrheit unserer Studienteilnehmer*innen nicht durch die potenziellen Vorteile der App kompensiert. Zugleich scheint die ablehnende Haltung vieler Befragter auch in einer tiefergehenden Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen wurzeln. Wenn Behörden in Zukunft weitere digitale Tools und Praktiken einführen, sollten sie sehr transparent und proaktiv die Ziele und den Beitrag der Technologie kommunizieren. Es ist auch wichtig, ethische, rechtliche und soziale Fragen im Zusammenhang mit solchen Technologien vor ihrer Einführung öffentlich anzusprechen und zu lösen.

Die Ergebnisse der Studie wurden im Detail in der Fachzeitschrift JMIR publiziert: https://doi.org/10.2196/25525 (in englischer Sprache)

Die Studie entstand als Teil des SolPan Konsortiums und wurde mitverfasst von Dr. Amelia Fiske, Prof. Barbara Prainsack, Dr. Nora Hangel, Dr. Stuart McLennan und Prof. Dr. Alena Buyx.

Bei Fragen kontaktieren Sie bitte die Studienleiterin in Deutschland: Prof. Alena Buyx (E-Mail: medizinethik.med@tum.de)